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Kapazität der Bestandsstrecke

Wie viele Züge können auf der bestehenden Strecke fahren? Diese Frage sorgt immer wieder für Unsicherheit. Die Antwort ist nicht ganz einfach.

Warum kann man nicht einfach eine Zahl als Kapazität nennen?

Die Kapazität, also die Leistungsfähigkeit einer Bahnstrecke, hängt von mehreren Faktoren ab.

Hauptfaktor 1: Blockabstände

Jedes Gleis ist in Abschnitte aufgeteilt, so genannte „Blöcke“. Fährt ein Zug in diesen Abschnitt ein, so ist dieser Block belegt. Nachfolgende Züge können aus Sicherheitsgründen erst diesen Abschnitt einfahren, wenn der Block wieder frei ist, sprich der vorausfahrende Zug diesen verlassen hat. Die Anzahl der Blöcke definiert also, wie viele Züge gleichzeitig auf einem bestimmten Streckenabschnitt fahren können.

Hauptfaktor 2: Zugmix

Die meisten Bahnstrecken in Deutschland sind Mischverkehrsstrecken. Das heißt: Güterzüge, der Personennahverkehr und der Personenfernverkehr fahren auf den gleichen Gleisen. Das hat Auswirkungen auf die Kapazität. Durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Züge sinkt die Streckenkapazität. Ein einfaches Beispiel: In Rosenheim startet ein Personenfernverkehrszug Richtung Innsbruck. Kurz danach fährt ein Nahverkehrszug los, der an den Bahnhöfen entlang der Strecke hält. Durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und mit jedem Halt in den Bahnhöfen wird der „ungenutzte“ Abstand zwischen den beiden Zügen größer. Die Kapazität der Strecke sinkt.

Auch diese Faktoren beeinflussen die Kapazität:
  1. Länge und Anordnung von Zugfolgeabschnitten
  2. Überholmöglichkeiten
  3. Geschwindigkeitsprofil
  4. Zusammensetzung und Mischung verschiedener Zugkategorien im Fahrplan (Betriebsprogramm)
  5. Halteregime

Hauptfaktor 3: Betriebsqualität

Die Kapazität in einem Streckenabschnitt korreliert auch mit den Erwartungen hinsichtlich der gewünschten Betriebsqualität. Wird in einem Abschnitt mehr Schienenverkehr abgefahren, so kann in diesem Bereich keine Verspätung aus Nachbarabschnitten reduziert werden. Bei sehr guter Betriebsqualität sind gewisse Zeitreserven im Fahrplan hinterlegt, so dass Zugverbindungen gesamthaft betrachtet zeitlich stabiler dem Fahrplan entsprechen.

 

Wie viele Züge können auf der Strecke Rosenheim – Kufstein fahren?

Auch das ist nicht ganz einfach. Es gibt einen Unterschied zwischen der Kapazität und der wirtschaftlich nutzbaren Streckenauslastung – mit gravierenden Auswirkungen für Pendler und Spediteure.

ca. 260 Züge
täglich
Kapazität
Voraussetzung ist, dass Tag und Nacht gleichmäßig viele Züge fahren. Das ist aber unrealistisch. Der Nahverkehr bringt z.B. vor allem morgens und abends die Menschen an ihr Ziel. Auch Reserven für Wartungsarbeiten oder Zugverspätungen gibt es bei 260 Zügen täglich kaum. Deshalb wirken sich Verspätungen auch auf eigentlich pünktliche Züge aus.
ca. 240 Züge
täglich
Wirtschaftlich nutzbare Streckenauslastung
Es sind Zeitpuffer vorhanden, um einen verlässlichen Zugbetrieb sicherzustellen. Tageszeitbedingte Schwankungen sind berücksichtigt. Die wirtschaftlich nutzbare Streckenauslastung wurde für die ganze Brennerachse ermittelt.
199 Züge
täglich
Aktuelle Zugzahl
In der ersten Jahreshälfte 2018 fuhren durchschnittlich 199 Züge am Tag durch das deutsche Inntal.
20 Jahre muss die Bestandsstrecke mindestens ausreichen
Frühestens 2038 steht die Neubaustrecke zur Verfügung. Schon 2027 geht der Brenner Basistunnel in Betrieb. Wäre die Bestandsstrecke heute schon voll ausgelastet, könnte keine Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die umweltfreundliche Schiene erfolgen.
400 Züge
täglich
Dimensionierungsgröße
Bahnstrecken müssen auf eine Lebensdauer für mehrere Generationen angelegt sein. Es ist wichtig, Leistungsreserven zu berücksichtigen. Deshalb wurde für unsere Planungen ein Verkehr von 400 Zügen täglich an der Grenze bei Kufstein definiert – zusammen auf Neubau- und Bestandsstrecke.